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Aktuelle Veranstaltungen

15.9.2022, Edmund-Siemers-Allee 1, Hörsaal Erwin Panofsky

Salomo Birnbaum und die Begründung der Jiddistik an der Hamburger Universität vor genau 100 Jahren

in Kooperation mit der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte der Uni Hamburg sowie dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden und dem Verein für hamburgische Geschichte

Vor 100 Jahren, im Herbst 1922, fanden am Allgemeinen Vorlesungswesen der Hamburgischen Universität erstmals jiddische Sprachkurse statt. Durchgeführt wurden sie von Salomo Ascher Birnbaum (1891—1989), dem später international bekannten Jiddisten und Paläographen, der sich schon mit seiner 1918 veröffentlichten jiddischen Grammatik und seiner 1922 erschienenen Dissertation über das Jiddische einen Namen gemacht hatte. Der Hamburger Lehrauftrag war nach Birnbaums späteren Worten „the first modern lectureship for Yiddish in a university“.

Von 1922 bis 1933, 21 Semester lang, lehrte Birnbaum schließlich nicht nur jiddische Sprache, sondern auch jiddische Literatur und Kultur, bis er als Jude von den Nationalsozialisten vertrieben wurde. Obwohl Birnbaum auf seinem Gebiet als Kapazität galt, verhinderten einzelne Mitglieder der Philosophischen Fakultät zweimal, 1926/27 und erneut 1929/30, seine Habilitation.

Nach der NS-Machtübernahme floh Birnbaum mit seiner Familie nach Großbritannien, wo er als Dozent für Paläographie und Epigraphik des Hebräischen sowie für Jiddisch tätig war. Im Jahr 1970 übersiedelte er nach Toronto, wo er 1989 im Alter von 98 Jahren verstarb. Eine offizielle Ehrung durch die Universität Hamburg blieb Birnbaum verwehrt. Der Plan, ihm den Ehrendoktortitel zu verleihen, scheiterte 1985. Mit diesem wurde er im Folgejahr von der Universität Trier gewürdigt.

Die gemeinsame Veranstaltung der 1995 gegründeten Salomo-Birnbaum-Gesellschaft und der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte der Universität Hamburg erinnert an den bedeutenden Gelehrten Salomo Birnbaum und den Beginn seiner Jiddisch-Kurse vor 100 Jahren — womit auch die Frage nach dem heutigen Umgang mit diesem Erbe verbunden ist.

Maike Spieker an der Bass-Klarinette beim musikalischen Ausklang des Abends

 

 

Samstag, den 22. Oktober 2022, 18:00 Uhr
Jüdisches Kulturhaus, Flora-Neumann-Straße 1, U-Bahn Messehallen

Erhebe die Stimme! / Hey, tu a zing!הײ, טו אַ זינג

Konzert zum Gedenken an die unter Stalin am 12.8.1952 ermordeten jiddischen Schriftsteller mit...

A MEKHAYE: Anna Vishnevska (Gesang, Gitarre), Stefan Goreiski (Akordeon), Taly Almagor (Violine)

MANDOS & KAATZ: Inge Mandos (Gesang), Klemens Kaatz (Piano)

SCHMAROWOTSNIK: Christine von Bülow (Gesang, Oboe, Englischhorn), Martin Quetsche (Gesang, Akkordeon)

STELLA'S MORGENSTERN: Stella Jürgensen (Gesang), Andreas Hecht (Gitarre)

Wie kann man der fünf jiddischen Schriftsteller gedenken, die in einer Nacht im August vor 70 Jahren zusammen mit elf weiteren Mitgliedern des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAK) in Moskau ermordet wurden?

Man kann an sie erinnern, indem man ihre Lieder singt, in denen sie ihre Stimme erheben: die Stimme der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Sowjetunion, der Liebe zu ihrer jiddischen Tradition, des Leidens und der Not, der Enttäuschung, der Verzweiflung, aber auch des Protests und des Kampfes.

Sie zeugen von der Unvereinbarkeit jüdischer Interessen mit den Entwicklungen in der damaligen Sowjetunion. Gehörten Juden zunächst zur Avantgarde der Arbeiterbewegung, so taten die sowjetischen Staatsorgane alles, um das Jüdische zu unterdrücken und zu vernichten. In diesem Spannungsfeld konnte es nur zu Verstrickungen und menschlichen Tragödien kommen. Die Mitglieder des JAK wurden beschuldigt, kosmopolitisch und jüdisch nationalistisch zu agieren. In einem spektakulären Geheimprozess wurden sie zum Tode verurteilt und damit ein großer Teil der jüdisch-jiddischen Intelligenz ausgelöscht.

Das Konzert erinnert an die jiddischen Poeten David Bergelson, Itzik Feffer, David Hofstein, Leyb Kvitko und Perez Markisch. Viele ihrer Gedichte wurden im Laufe der Zeit vertont und bekannt.

Speziell für diesen Abend komponiert werden zahlreiche Neuvertonungen ihrer Texte zu hören sein.

Wir bitten um eine vorherige Anmeldung per Mail mit Ihren Kontaktdaten unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Vorankündigung:

Samstag, den 19. November 2022 von 14:00 bis 18:00 Uhr

In Traum, Ghetto, Lager. Der Schriftsteller Zvi Eisenman.

Vortrag auf Deutsch, anschließend Workshop auf Jiddisch

Der jiddische Erzähler Zvi Eisenman (1920-2015) bekam 1980 den Itsik-Manger-Preis, die höchste Auszeichnung für jiddische Literatur - und blieb doch bis heute vielen unbekannt. 1920 in Polen geboren, überlebte er Krieg und Naziterror in der Sowjetunion. 1948 ging er nach Israel und begann zu schreiben. Seine Kurzgeschichten füllen acht Bände; es gibt Übersetzungen ins Neuhebräische, Englische und Polnische.

Eisenmans Stil ist klar, nüchtern, bisweilen hart. Mit nur einem Satz taucht er in die Mitte seiner Erzählungen hinein - und überläßt seine Leser oft ebenso unvermittelt wieder sich selbst. Er erzählt aus der Perspektive eines kleinen Jungen oder einer alten Frau; die Perspektive kann mitten in der Geschichte wechseln oder so unklar bleiben, daß man nicht einmal das Geschlecht des "Ich" bestimmen kann. Eine realistische Schilderung gleitet überraschend ins Phantastische, ein Märchen bekommt plötzlich eine Wendung ins Konkrete. Selbst lyrische Passagen kommen vor, die sich unvermutet gegen Tod und Grauen stellen. Die psychologische Erzählweise erinnert an Bergelson, das Groteske an Kafka, das Phantastische an Hofmannsthal - aber Eisenman schreibt unverkennbar modern.

Martin Quetsche, Sänger jiddischer Lieder und VHS-Dozent für jiddische Literatur, wird einen Überblick über Eisenmans Schaffen vermitteln und anhand dreier Kurzgeschichten vertiefen. Zum Ende des Vortrags folgt eine Vertonung einer dieser Kurzgeschichten, die Martin Quetsche selbst angefertigt hat.

Nach einer Pause bietet der Workshop Gelegenheit, den Einblick in Eisenmans Stil anhand von Originaltexten zu vertiefen. Die Texte werden als glossierte Kopien zur Verfügung gestellt.